Brunnen in senegalesischen Dörfern müssen immer tiefer gebohrt werden
Eine fröhliche Truppe, die 14 Tage lang vor allem in kleineren, abgelegenen Dörfern Hilfe zur Selbsthilfe leistete: v.l. stehend: Uwe Wagner (Coesfeld), Franz-Josef Leifeld (Coesfeld), Sascha Pantleon (Dülmen), Martin Cauvet (Schapdetten), Klaus Vinkelau (Holtwick), Peter Fallbrock (Schapdetten), Christoph Vogt (Holtwick), (sitzend) Uwe May (Münster), Peter Deckenbrock (Münster) und Heiner Gehring (Holtwick).
Senegal / Thiés
"Toubab, Toubab!" zwei Dutzend Kinder rennen laut rufend und winkend neben dem Mercedes-Bus her, der über eine Sandpiste in ihr Dorf kommt. Hühner stieben auseinander. Toubab - das ist Wolof (neben der Amtssprache Französisch die verbreiteste Sprache unter den Einheimischen) und heißt heißt Weiße. Die sind hier was Besonderes . Heiner Gehring aus Holtwick, Vorsitztender des Vereins "Ein Herz für Senegal" fragt nach den Dorfältesten. Und da kommt er auch schon mit anderen Bewohnerinnen herbeigelaufen. Breitwillig zeigt er das aus etwa 15 Rundhütten, gedeckt mit Palmblättern, bestehende Dorf. Scharfe blöcken.
Die Helfer aus dem Kreis Coesfeld und aus Münster waren schon einmal hier in Ambrosius-Dorf. Vor zwei Jahren haben sie den Brunnen tiefer gebohrt - die Bewohner erinnern sich sofort. "Es hat sich einiges verändert", berichtet der Dorfälteste. Nicht zum Besseren. Von dem ursprünglich über 300 Bewohnern leben nur noch 120 im Dorf. Die anderen - vor allem die jungen Männer - sind weg. Ackerbau und Viehzucht konnte sie unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr ernähren. So sind wie die meisten in der Hoffnung, in Thiés Arbeit zu finden fortgegangen. Flucht in die Stadt, wo es ihnen auch nicht unbedingt besser geht. Die Arbeitslosenquote beträgt 80 Prozent.
Der Älteste führt die Gruppe zu den Hirse-Feldern. Verdorrt. Die letzte Regenzeit hat zu wenig Feuchtigkeit gebracht. Und jetzt - drei Monate nach Beginn der Trockenzeit - gibt der Brunnen kein Wasser mehr. "Wir müssen es aus dem Nachbardorf holen", erzählt der alte Mann. 7 km ist das weit. Die Frauen tragen es in Plastikschüsseln auf ihren Köpfen.
Am Dorfbrunnen angekommen, den noch eine schicke westfälische Schwengel-Pumpe ziert, sehen die Besucher das Dilemma selbst: Gehring lässt einen Eimer mit dem Flaschenzug hinabsausen - zieht ihn hoch: "Leer!"
Noch einmal tiefer bohren? Ein hoher finanzieller Aufwand für nur noch so wenige Menschen - und für wie lange? Der Verein entschließt sich anders, anders zu helfen. Ein Esel soll für den Wassertransport finanziert werden. Decken und andere Hilfsgüter, vor allem Kleidung, haben sie mitgebracht. Die Dorfbewohner teilen alles friedlich. Warme Decken in Afrika? Mag sich so mancher fragen. Aber nachts wird es empfindlich kalt. Und die Menschen, der Älteste öffnet für die Deutschen bereitwillig seine Hütte, schlafen auf dem Erdboden. Ein wackeliger Schrank steht in der Ecke, eine Kiste mit Kleidung - die ganze Habe.
Die Szenen wiederholen sich von Dorf zu Dorf. Immer wieder werden die Helfer freudig empfangen. Wasser zu bekommen, um bescheidenen Anbau zu betreiben, ist überall das größte Problem. Deshalb hat der Verein vor zwei Jahren ein großes Bohrgerät in den Senegal geschafft, mit dem eine Tochterfirma der örtlichen Caritas fleißig bohrt. Aber damit allein ist es nicht mehr getan, berichtetn Experten der katholischen Kirche. Der Klimawandel wirft sie immer wieder zurück. Normalerweise wären es im Januar 25 bis 28 Grad. In diesem Jahr klettert das Thermometer auf 35 und mehr Grad. Immer mehr Brunnen fallen trocken. Die Wüste Sahara breitet sich aus. Nomaden, die in der Dorngrassteppe Rinder weiden, drängt sie nach Süden. Und dort geraten sie in Konflikt mit Bauern in den Dörfern, weil die Herden über die mühsam bestellten Felder trampeln und alles wegfressen. Wenn das nicht schon die ebenfalls häufiger werdenden Heuschreckenschwärme erledigt haben.
Quelle
Samstag, den 03. Februar 2007 | Allgemeine Zeitung (Sonderseite) | Detlef Scherle